Das Stadtarchiv Bocholt präsentiert im Rahmen der Reihe „Foto des Monats“ eine beeindruckende Aufnahme der Flutkatastrophe vom Februar 1946. Das Bild zeigt einen Radfahrer, der sich in der Dinxperloer Straße durch die Wassermassen kämpft, während im Hintergrund die Ruinen der Stadt aufragen.

Wirft man einen Blick auf diese Fotografie, so wird sich der Betrachter auf Anhieb wahrscheinlich schwertun, das hierauf Dargestellte überhaupt lokal einzuordnen. Um Licht ins Dunkel zu bringen, sei gesagt, dass der Fotograf sich in der Dinxperloer Straße in unmittelbarer Nähe der Westendkreuzung befindet und seine Kamera nach Süden ausrichtet. Von dort aus erkennt man im Hintergrund die Trümmer des Marienlyzeums und des davor liegenden Capitol-Theaters. Links erhebt sich die Hausruine des früheren Bauunternehmers Hülskamp und auf der Straßenseite gegenüber stehen die Überreste der Villa Liebreich. Das Bild entstand im Februar 1946, als Bocholt knapp ein Jahr nach Kriegsende von einem Hochwasser heimgesucht worden war. Welches Ausmaß diese Naturkatastrophe hatte, mag der Radfahrer vermitteln, der sich mit seinem Gefährt durch den überfluteten Verkehrsweg kämpft.

In den ersten Februartagen 1946 gingen über dem Stadtgebiet 62 mm Regen nieder, am 8. und 9. Februar ermittelte die örtliche Messstation allein 109,6 mm. Es goss ununterbrochen in Strömen. Schon frühzeitig standen die tiefergelegenen Gebiete im Stadtbezirk unter Wasser. Die heftigen Regenfälle setzten sich in der Nacht auf den 9. Februar kontinuierlich fort. Für die Bevölkerung bedeutete das ein böses Erwachen: Hatten sie doch vielfach in den Kellern ihrer kriegszerstörten Häuser, in Gartenhäuschen oder in provisorisch hergerichteten Behausungen überwintert, wurden sie jetzt auch noch mit einem Hochwasser konfrontiert. Was sie zuvor vor den Bomben, dem Feuer und den Plünderungen noch gerettet und an Lebensmitteln und Brennmaterial im Keller bevorratet hatten, mussten sie nun dem Wasser überlassen. Von der Walderholung im Norden bis hin zur Eisenbahn, vom Hochfeld und Fildeken bis nach Mussum war alles überflutet, auch weil die Aa durch Trümmerhindernisse die Wassermassen nicht mehr abführen konnte.

Schätzungen zufolge betrugen die durchströmenden Fluten inklusive der bereits über die Ufer getretenen Mengen etwa 115 Kubikmeter pro Sekunde – mehr als das Doppelte des Normalfalls. Das öffentliche Leben stand in diesen Tagen still, die Stadtverwaltung und die Borkener Militärregierung starteten ein Nothilfeprogramm zur Versorgung der Bevölkerung. Ab dem 13. Februar 1946 zog sich das Hochwasser allmählich wieder aus dem Stadtgebiet zurück.

Foto: Stadtarchiv Bocholt, Nachlass Friedrich Demes Nr. 24; Text: Wolfgang Tembrink